Ukraine, Super-Gau, Kernschmelze, Tschernobyl, Krieg, Pro-Atom, Atom-Ausbau, Saporischschja, Hochrisikoreaktor, Sarkophag, unbewohnbar, Krebs
- 15 aktive Reaktoren an 4 Standorten
- 2 Reaktoren in Bau
- die Tschernobyl-Katastrophe 1986 war einer der schlimmsten Atomunfälle weltweit
- größte AKW Europas: AKW Saporischschja (6 Reaktoren, 5718 MWe Leistung)
- Stromerzeugung 2023 aus
- 49% Atomenergie
- 32% Fossile Brennstoffe (22% Kohle, 10% Gas)
- 18% Erneuerbare Energie (12% Wasser, Solar 4%, 1% Wind, 1% Biomasse)
- 105,2 TWh Eigenproduktion, 0,4 TWh Importe 1
Geschichte
Das
erste AKW der Ukraine geht
1977 in Tschernobyl in Betrieb, zwischen 1978 und 1989 folgen 15 weitere.
1986 - nur wenige Jahre nach der Inbetriebnahme des letzten und vierten Reaktors am Standort
Tschernobyl (1983) passiert ein
Super-GAU mit Kernschmelze und einer großen Explosion.
Radioaktive Strahlung breitet sich
in ganz Europa aus, im Laufe der Jahre sterben Hunderttausende an den Folgen.
Nach dem Tschernobyl-Unfall wird
1990 ein
Moratorium beschlossen, das den Bau von neuen AKWs aussetzt. Zu der Zeit sind vier Reaktoren in Bau.
Doch wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation des Landes wird das Moratorium schon wenig später
wieder aufgehoben. 1995 geht dann ein Reaktor in Saporischschja in Betrieb, 2004 je ein Reaktor in Khmelnitski und Rovno.
2Nach dem
Super-GAU in Tschernobyl gibt es
weltweit Proteste gegen den Weiterbetrieb der anderen Tschernobyl-Blöcke, da sie von der gleichen, unsicheren Bauweise sind. Mitglieder einer ukrainischen Umweltorganisation werden mehrfach Opfer des staatlichen Sicherheitsdienstes, inhaftiert oder erhalten Morddrohungen. Der
letzte Tschernobyl-Reaktor wird erst
2000 abgeschaltet.
3Waldbrände in der Tschernobyl-SperrzoneIn den riesigen Waldgebieten rund um das AKW Tschernobyl kommt es immer wieder zu Waldbränden, 2020 sind die Brände jedoch besonders groß und lang anhaltend.
4Anfang April 2020 werden die Waldbrände entdeckt. Durch die Brände werden auch
radioaktive Partikel im Boden aufgewirbelt und vertragen. In der Stadt Kiew ist die Luftverschmutzung durch die Rauchwolken enorm, nach offiziellen Angaben werden aber keine Strahlungsgrenzwerte überschritten. Zwei Wochen später brennt es immer noch und erste "ungefährliche" Rauchwolken erreichen auch Europa. Erst Mitte Mai - mehr als
1 Monat später - können alle Brände und Glutnester endgültig gelöscht werden. Laut Behörden war
radioaktiv belastetes Gebiet mit über 11.500 Hektar betroffen.
Auch in den folgenden Jahren kommt es immer wieder zu Waldbränden in der Tschernobyl-Sperrzone, verursacht auch durch russische Drohnen.
5Ausstieg vs. Ausbau
Die Ukraine will ihre Atomenergiestrategie beibehalten und
ausbauen. An zwei Reaktoren - Khmelnitski 3+4, deren Bau bereits in den 1980ern begonnen und 1990 gestoppt wurde - wird weitergebaut und neun weitere geplant. Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine - bei dem auch ganz gezielt AKWs angegriffen werden - gibt es immer wieder kritische Vorfälle. Etwa wurde der Tschernobyl-Sarkophag bereits mehrfach beschädigt. Das AKW Saporischschja ist seit Kriegsbeginn vom Netz, dennoch benötigt es dauerhaft Kühlung, die Stromzufuhr dafür war bereits unzählige Male unterbrochen und die Notstromaggregate bis an ihre Grenzen ausgereizt. Dennoch will die Ukraine Atomkraft ausbauen und plant etwa auch SMR zu bauen.
Für den Betrieb ihrer AWK-Anlagen bleibt die Ukraine, wie auch die EU, stark von Russland abhängig, trotz des verbrecherischen Angriffskrieges Russlands und dem Wechsel zu amerikanischen oder europäischen Herstellern - Russland dominiert nach wie vor die globale Uran-Lieferkette.
6Atommüll
Ukraines Atommüll wird derzeit an den meisten AKW-Standorten vor Ort gelagert. Auch in der Sperrzone von Tschernobyl wird Atommüll der anderen Standorte gelagert. Mögliche Standorte für ein Tiefenlager werden gesucht.
Störfälle und Katastrophen
26. April 1986: Super-GAU im vierten Tschernobyl-Reaktor. Nach einem missglückten Experiment gibt es eine unkontrollierte Kettenreaktion im Reaktor,
Brennelemente schmelzen, die Reaktorhülle explodiert.
Durch den Unfall wird 30- bis 40-mal so viel radioaktive Strahlung wie durch die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki freigesetzt. Der Wind nimmt die
radioaktive Rauchwolke mit in Richtung Nordwesten - ins Baltikum, nach Skandinavien und weiter
nach Westeuropa und Österreich.
Nach Weißrussland war
Österreich mit 13 Prozent seiner Gesamtfläche weltweit
am zweitstärksten von der hohen Cäsium-Belastung der Tschernobyl-Katastrophe
betroffen, auch radioaktives Jod traf Österreich stark.
Das
Ausmaß der Katastrophe wird zunächst verschwiegen und - als Schweden erhöhte Strahlenwerte misst und die Sowjetunion als Ursprungsland beschuldigt -
verleugnet. Viel zu spät werden Bewohnerinnen und Bewohner im Umkreis von Tschernobyl evakuiert.
Eine Woche später: Noch immer brennt der Reaktor und tritt radioaktive Strahlung aus. Die Behörden leugnen den Vorfall nach wie vor und unternehmen nichts zum Schutz der Bevölkerung.
Bis heute starben hunderttausende Menschen und den unmittelbaren und langfristigen Folgen des Super-GAUs, die Region rund um Tschernobyl ist nach wie vor unbewohnbar.
Noch immer erkranken Menschen durch die Folgen von Tschernobyl an Krebs.
7Angriff durch RusslandIm Februar 2022 startet Russland den Angriffskrieg auf die Ukraine und besetzt sowohl die Sperrzone von Tschernobyl, als auch das AKW Saporischschja (bis heute). Immer wieder werden AKWs, v.a. Saporischschja, oder ihre externe Stromversorgung gezielt angegriffen. Das ist ein großes Risiko, denn auch wenn das AKW Saporischschja seit Kriegsbeginn vom Netz genommen ist, braucht es konstante Kühlung.
8Der Sarkophag von Tschernobyl wird Anfang 2025 durch einen Drohnenangriff stark beschädigt, eine Reparatur war bis jetzt noch nicht möglich.
9Probleme
- Nach dem Super-GAU wird ein Sarkophag aus Stahl und Beton um den zerstörten Reaktorblock Tschernobyl gebaut, um eine weitere Ausbreitung der radioaktiven Strahlung zu verhindern. Nach nicht einmal 30 Jahren war der alte Sarkophag jedoch baufällig, die Decke ist einsturzgefährdet, durch Risse könnte Regenwasser eindringen und erneute eine Kettenreaktion auslösen. 2010 beginnt der Bau eines neuen Sarkophags, der 2019 fertiggestellt wird, allerdings 2025 im Krieg beschädigt und bisher noch nicht repariert werden konnte.
- Die Region rund um Tschernobyl ist nach wie vor unbewohnbar, noch immer gibt es Krebsneuerkrankungen, die auf die radioaktive Strahlung zurückzuführen sind.
- Fast alle aktiven Reaktoren der Ukraine sind Hochrisikoreaktoren, weil sie entweder älter als 30 Jahre sind oder über kein Containment - eine Schutzhülle, die bei einem Unfall die Radioaktivität zurückhält - verfügen.
- Die Ukraine hat großes Potential für Erneuerbare Energien, bisher gab es jedoch wenig Ausbau oder Investitionen in Erneuerbare Energien. In den letzten Jahren und vor allem aktuell aufgrund des Ukrainekriegs steigt der Anteil rasant. Denn ein dezentrales Stromnetz mit Erneuerbaren Energien bietet kaum Angriffspunkte für russische Raketenangriffe. 10
Mehr Infos und Quellenangabe:World Nuclear Industry Status Report 2025, S 171-182 | worldnuclearreport.org, aufgerufen 07/261 Stromproduktion Ukraine | IEA.org, aufgerufen 07/262 Länderinfos WorldNuclearAssociation.org, aufgerufen 07/263 Proteste | Global2000, aufgerufen 07/264 Tschernobyl: Waldbrand weiter nicht unter Kontrolle | ORF.at 04/205 Waldbrände Tschernobyl seit 2010 | Greepeace.de, aufgerufen 07/26, Waldbrand nach Drohnenabsturz |
Tagesschau.de 05/26,
ORF.at 05/26Krone.at 07/26
6 Länderinfos WorldNuclearAssociation.org, aufgerufen 07/26,
Schweizer AKW: Abhängigkeit von Russland immens, Greenpeace.ch 05/26, aufgerufen 07/26,
Putins Uran-Deals: Europa in der Atomkraft-Falle, Podcast Tagesschau.de 07/25, aufgerufen 07/267 Chronologie Super-GAU Tschernobyl | Wiener Umweltanwaltschaft, aufgerufen 07/268 Saporischschja wieder ohne Strom | ORF.at 06/26,
AKW Saporischschja im Krieg | WorldNuclearAssociation.org, aufgerufen 07/269 Status Tschernobyl-Sarkophag nach Drohnenbeschädigung | IAEA.org, aufgerufen 07/26,
Tschernobyl im Krieg | WorldNuclearAssociation.org, aufgerufen 07/2610 Ausbau von Erneuerbaren bringt Ukraine über den Winter | Yale School of the Environment 02/26Foto: AKW Tschernobyl mit Sarkophag, ©
Sven TeschkeInformationsstand 07/2026